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Tobias Jawtusch

Für das Interview mit Tobias Jawtusch wollte ich nicht bei den üblichen Standardfragen hängen bleiben. Mich interessiert vor allem das Handwerk hinter Hörspielen: Wie entsteht Kopfkino ohne Bild, wie werden Figuren allein über Stimme und Rhythmus greifbar, und wann merkt man beim Schreiben, dass eine Idee akustisch wirklich trägt. Tobias Jawtusch gehört für mich zu den Autoren, bei denen genau dieses Audio-Denken spürbar ist – nicht nur in der Geschichte, sondern auch im Timing, in den Pausen, in der Art, wie Szenen im Ohr funktionieren.

In unserem Gespräch geht es deshalb um seinen Weg zum Schreiben, um Routinen, Zweifel und diese Momente, in denen aus Text plötzlich echtes Studio-Leben wird. Wir sprechen darüber, wie er Dialoge baut, wie wichtig Sound und Atmosphäre für ihn sind, wo er bewusst Informationen zurückhält – und wie er es schafft, Orientierung zu geben, ohne alles zu erklären. Kurz: ein Interview für alle, die Hörspiele nicht nur hören, sondern verstehen wollen, warum sie wirken.

Weißt du noch, welches Hörspiel dich als erstes so richtig gepackt hat – und was genau hat damals funktioniert (Stimme, Musik, Atmosphäre, Story)?

Das kann ich relativ genau beantworten: In der 6. Klasse haben wir im Deutschunterricht Die drei ??? – und die Rache des Tigers analysiert. Im Nachhinein vielleicht nicht die beste Einstiegsfolge, aber sie ist mir in Erinnerung geblieben. Bei meinem Schulwechsel habe ich von meiner Klassenlehrerin zum Abschied Die drei ??? – Insektenstachel bekommen. Diese Folge hat mich dann so sehr gepackt, dass ich ein riesiger Drei-Fragezeichen-Fan wurde und immer noch bin.

Natürlich bin ich, wie so viele, auch mit Bibi Blocksberg, Bibi und Tina und Benjamin Blümchen aufgewachsen. Ich habe zwei ältere Schwestern und wir hatten eine wirklich große Kassettensammlung zu Hause. Ich bin also schon sehr früher mit dem Medium Hörspiel in Berührung gekommen.

Was fasziniert dich am Hörspiel als Medium – was kann Audio besser als Buch oder Film?

Eigentlich fasziniert mich alles an dem Medium Hörspiel: die Geräusche, die Musik und die Sprecherinnen und Sprecher. Schon als Kind habe ich selbst Hörspiele geschrieben und meine Verwandten mehr oder weniger gezwungen, diese einzusprechen. Natürlich habe ich auch die entsprechenden Geräusche selbst gemacht.

Ein Hörspiel ist für mich wie ein Film im Kopf. Du hast die verschiedenen Stimmen, die Geräusche und der Rest wird deiner Fantasie überlassen. Du kannst einfach die Augen zu machen, lauschen und deinen Gedanken freien Lauf lassen. Das ist vor allem der Unterschied zu Filmen. Ich liebe es auch Filme zu gucken, aber hier fehlt der Part, in dem die eigene Fantasie übernimmt.

Beim Lesen von Büchern können natürlich auch Bilder im Kopf entstehen, aber hier fehlen die Geräusche und Stimmen. Wenn man ein Buch liest, zumindest geht es mir so, kann man sich nicht komplett fallen lassen. Bei einem Hörspiel hingegen kann man runterkommen und eben eventuell auch einschlafen (wie ich oft abends) – beim Lesen eines Buchs ist das schwierig.

Gibt es bei dir so ein typisches Jetzt hab ich’s!-Signal: Woran merkst du, dass eine Idee als Hörspiel wirklich trägt und nicht nur als Plot-Skizze?

Wenn eine Idee in meinem Kopf hängen bleibt und ich länger darüber nachdenke, vielleicht sogar eine Nacht darüber schlafe, mir zu dieser einen Idee nach und nach noch mehr Ideen kommen, dann setz ich mich hin und schreibe einen Pitch. Davon habe ich hier übrigens dutzende liegen. Und wenn der Pitch mich überzeugt, plotte ich. Das heißt, ich unterteile den Pitch in verschiedene Szenen, schreibe die Charaktere auf und gebe ihnen Namen. Und wenn das passiert ist, ist aus der Plot-Skizze etwas geworden, was ein Hörspiel trägt.

Wenn du ein neues Projekt beginnst: Was ist dein Nordstern – Figur, Thema, Mystery, Atmosphäre oder Rhythmus?

Mein Nordstern ist für jedes Projekt unterschiedlich, hier kann ich anhand meiner bisher erschienen Hörspiele ein paar Beispiele nennen.

Für die Folge Insel-Krimi – 40 – Juists verlorene Seelen, war mir de Atmosphäre besonders wichtig. Da stand das Hotel als Handlungsort im Mittelpunkt und alles andere entwickelte sich drumherum.

Bei Küstenmorde – 4 – Geheimnisse von Cuxhaven ging es mir vor allem um die Figur der Kommissarin. Hier hatte ich als erstes eine gebrochene Gestalt im Kopf, die am Ende völlig austickt. Und daraus entwickelte sich der Rest.

Bei Shadow Chasers – 5 – Die Spur der verlorenen Schatten wollte ich hingegen ein Mystery-Abenteuer erschaffen, dass eine nostalgische Energie verspürt. Das Thema war Zirkus und der Reste entwickelte sich daraus.

Hingegen bei Dark Game waren als erste Idee die Figuren im Vordergrund, die reichen Schnösel, die sich benehmen, als gehöre ihnen die Welt.

Der Rhythmus entwickelt sich dann jeweils aus dem Themenschwerpunkt. Liegt das Thema z.B. bei der Figur der Kommissarin, werden ihre Szenen ausführlicher. Liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte, zum Beispiel einem Mord, geht es eher um die Verdächtigen.

Was ist für dich der Kern eines wirklich guten Hörspiel-Dialogs – und woran merkst du sofort, dass ein Dialog nicht funktioniert?

Ein wirklich guter Hörspieldialog zieht dich in die Szene mit rein, du lauschst gerne den Figuren, die dort sprechen, du hast das Gefühl dabei zu sein, weil es sich echt anfühlt. Das können auch mal längere Monologe sein, die was erklären, oder verquere Sätze (keiner von uns spricht immer perfekt), solange sich die Figuren lebendig anfühlen.

Ein Dialog funktioniert dann nicht, wenn er dich aus der Szene holt. Ein sehr plakatives Beispiel: Da auf der anderen Straßenseite ist ein Mann mit einer schwarzen Jacke und Sonnenbrille, er guckt böse zu uns, der scheint uns zu beobachten. Das ist natürlich ein etwas übertriebenes Beispiel, aber ich denke daran kann man es gut festmachen. Solche oder ähnliche Sätze ziehen mich immer aus der Welt raus, denn so spricht niemand. Es ist eben nicht echt.

Und ein Dialog, der nur dazu dient die Handlung voranzutreiben und dabei die Charaktereigenschaften der Figuren nicht berücksichtigt, ist ebenfalls etwas, das für mich nicht funktioniert.

Wie sorgst du dafür, dass Figuren stimmlich unterscheidbar sind, ohne dass jede Rolle zur Karikatur wird?

Das sind kleine Nuancen. Bei den Shadow Chasers zum Beispiel spricht Ruby länger, bestimmender, Matt hingegen stellt mehr Fragen, während Gregory manchmal eher kurze Antworten gibt.

Bei Outer Space hingegen geht auch viel über Emotionen: Captain Sara Rockwell würde den gleichen Satz ganz anders sagen als Al Metthews. Das heißt, ich schreibe dazu in welcher Emotion ein Satz gesprochen wird.

Natürlich sprechen die Figuren in Outer Space komplett anders als bei Fantasy Tales – Das Juwel des finsteren Herrschers, aber eigentlich versuche ich zu vermeiden, Figuren einen Duktus zu geben, nur damit sie sich unterscheiden – weil sie eben genau dadurch zu Karikatur werden. Kleinere Unterschiede im Satzbau reichen völlig aus. Ein Politiker spricht ausschweifender, ein Professor ausdrucksstärker mit Fachwörtern und Wig Kina (Outer Space), spricht halt wie jemand der unter Piraten aufgewachsen ist, in einer fernen Zukunft: direkter, schmutziger, weniger belesen.

Welche Szenearten sind im Hörspiel am schwierigsten (Action, große Gruppen, Ortswechsel, leise Intimität) – und wie löst du das?

Ich persönlich finde Actionszenen immer etwas schwierig. Deswegen schreibe ich so wenig davon. *Zwinker* Nur ein Witz.

Actionszenen finde ich deswegen schwierig, weil weniger gesprochen wird – hier geht viel über Geräusche und Regieanweisungen (stöhnen, ächzen etc.). Und da muss ich mich halt am Ende auf die Regie und die Sprecherinnen und Sprecher verlassen, dass die das gut rüberbringen.

Szenenwechsel bzw. Ortswechsel finde ich ehrlich gesagt auch nicht leicht. Oft weiß ich nicht, wie ich eine Szene beenden soll, was ein guter letzter Satz ist, bzw. eine gute Überleitung zur nächsten Szene. Aber irgendwann kommt dann halt ein Satz wie: Lass mal ins Bett gehen und wir beschatten morgen den Eisverkäufer. Oder Wie auch immer, wir gehen jetzt ins Shuttle und verschwinden von diesem Planeten. So oder ähnlich funktioniert das immer, aber manchmal fühlt sich das nicht so organisch an.

Wie planst du Spannung im Audio: arbeitest du eher mit Cliffhangern, Rhythmuswechseln, Perspektivwechseln oder gezielten Informationslücken?

Alles zusammen und immer unterschiedlich. Wie oben geschrieben, habe ich eigentlich immer einen genauen Plan, was in welcher Szene passieren soll. Und das wiederrum hängt von der Geschichte ab.

In Shadow Chasers – 6 – Das Geheimnis des Schriftstellers wissen wir als Zuhörerinnen und Zuhörer genau, wer der Täter ist, während unsere Protagonisten dies nicht wissen. Die Spannung ergibt sich hier daraus, dass wir sie begleiten die Zusammenhänge herauszufinden. Wir bleiben dabei komplett bei den Shadows, die getrieben sind die Wahrheit herauszufinden. Das ganze Hörspiel springt in der ersten Hälfte von Szene zu Szene, um sich dann in der zweiten Hälfte die Zeit zunehmen in einem Gruselhaus eine unheimliche Atmosphäre zu erzeugen.

Planet Eden (da war ich ab Folge 7 beteiligt) und auch die späteren Folgen Outer Space leben hingegen von den Perspektivwechseln und Szenen ohne die Helden. Das macht die Atmosphäre aus.

Die Holy-Krimi-Whodunits (ich habe die Folgen 1, 3, 4 und 5 geschrieben) leben hingegen davon, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer Informationslücken haben, die erst im Laufe der Folge gefüllt werden.

Und Cliffhanger, wenn sie denn passen, gehören natürlich auch dazu. Wenn ein Protagonist an einem Abgrund hängt und wir erstmal zu den Antagonisten springen (nur ein fiktives Beispiel), macht das natürlich auch mir beim Schreiben Spaß. Man sollte nur nicht übertreiben.

Wie erlebst du den Moment, wenn dein Text von Sprecherinnen und Sprechern lebendig wird: Überraschen dich Interpretationen, und änderst du danach noch am Skript?

Ich liebe es das fertige Hörspiel zu hören. Ich denke durch die Sprecherinnen und Sprecher wird meine Geschichte erst richtig lebendig. Und ich bin jedes Mal begeistert. Für mich, der immer Hörspiele schreiben wollte, ist es immer noch etwas besonders, das fertige Hörspiel zu hören.

Die Sprecherinnen und Sprecher können einen Text durch ihre Interpretation nochmal wirklich auf ein neues Level heben. Hier habe ich vor allem immer Holy Krimi – 1 – Die Musik der Toten im Kopf. Die Rolle des Adam Coopers war schon von Anfang an als sarkastisch angelegt, aber K. Dieter Klebsch hat noch einmal eins draufgelegt, sodass ich beim Hören einfach mehrfach lachen musste.

Besonders beeindruckt hat mich auch Michael Bideller als Eliah Mortero in Shadow Chasers – 5 – Die Spur der verlorenen Schatten. Wenn er die Geschichte über die Schatten erzählt, macht er das so glaubwürdig und gleichzeitig so mystisch, dass ich gespannt gelauscht habe. Ein großes Highlight.

Manche Figuren hingegen habe ich beim Schreiben komplett anders angelegt, aufgedrehter, jünger, ruhiger … etc. Im Hörspiel klingen sie dann ganz anders – aber übrigens nie schlechter. Ich war bisher immer positiv überrascht.

Ich freue mich auch immer, wenn Sachen noch ergänzt werden. Zum Beispiel bei Shadow Chasers – 3 – Gefangen im Gebirge, wo der letzte Satz noch improvisiert wurde. Oder erneut bei Shadow Chasers – 5 – Die Spur der verlorenen Schatten, in der einer der drei Protagonisten so etwas murmelt wie Vorsicht mein Hintern, das macht eine Szene lebendig und für mich besonders.

Gab es ein Projekt, bei dem du im Produktionsprozess etwas Wichtiges gelernt hast (z. B. über Länge, Tempo, Besetzung, Sound) – und was war das?

Um ehrlich zu sein, könnte ich zu jedem Hörspiel schreiben, was ich im Nachhinein anders hätte machen können. Manche Dialoge und Szenen klingen halt auf dem Papier ganz toll, aber im fertigen Hörspiel fällt mir auf, dass es sie eigentlich nicht gebraucht hätte. Gestraffter funktionieren Hörspiele manchmal besser.

Bei Outer Space viel es mir am Anfang schwer, den Figuren Tiefe zu verleihen. Ich wollte, neben all den großen Abenteuern, auch tiefe emotionale Geschichten erzählen, aber gleichzeitig habe ich die Charaktere nicht laut aussprechen lassen, was sie empfinden.

Das heißt nicht, dass ich die Hörspiele irgendwie schlecht finde, ich denke nur, inzwischen würde ich es anders schreiben. Man könnte also sagen, ich habe dazugelernt.

Worauf dürfen sich Hörer als Nächstes freuen – eher neue Stoffe, neue Formen, oder eine Weiterentwicklung deines bisherigen Stils?

Es werden sowohl bekannte Formate weitergeführt als auch neue Ideen entworfen.

Dieses Jahr kommen noch einige Folgen Shadow Chasers, auf die man sich sehr freuen kann. Das ist einfach eine Serie, die mir besonders am Herzen liegt, weil ich wirklich die ersten Geschichten über die drei mit 15 geschrieben habe. Und ich bin Carsten Hermann (Hermann Media Audiobooks) sehr dankbar, dass er der Serie eine Chance gegeben hat und immer noch daran festhält. Outer Space und Dark Game gehen natürlich ebenfalls weiter.

Auch bei den Tales-Reihen (Contendo Media) wird es hier und da eine Folge von mir geben. Hier freue ich mich besonders auf eine Folge Midnight Tales, bei der mir Christoph Piasecki schon eröffnet hat, dass die Sprecherinnen und Sprecher bei der Aufnahme sehr viel Spaß hatten. Das überträgt sich hoffentlich auf die Folge.

Außerdem hat mich nach der Fertigstellung meines Buches Nimabarios das Abenteuerfieber gepackt, und ich würde in Zukunft gerne mal eine ganz klassische Abenteuerhörspielserie schreiben.

Welche typischen Hörspiel-Fallen siehst du am häufigsten (zu viele Figuren, zu viel Erklärung, fehlende Orientierung) – und wie vermeidest du sie?

Zu viele Figuren, die nicht gut genug erklärt werden. Und dann kommt hinzu, dass manche Stimmen einfach ähnlich klingen. Aber das passiert mir leider auch manchmal. Mein Schwiegervater zum Beispiel meinte, dass er beim ersten Hören Probleme hatte, bei Die Musik der Toten die Figuren zu unterscheiden.

Ich persönlich habe eine Figuren-Obergrenze für mich eingeführt: 12 Figuren pro Hörspiel, ausnahmsweise 14 (aber dann zwei Figuren nur in sehr kleinen Rollen). Bei der Doppelfolge Shadow Chasers (10 und 11) gibt es dann tatsächlich 16 Figuren, aber da es sich auf zwei Folgen verteilt, fand ich das akzeptabel.

Unnötig lange Erklärungen sehe ich ebenfalls häufig. Das muss man, denke ich, irgendwie aufteilen. Reine Erklär-Szenen versuche ich zu vermeiden, indem ich die Protagonisten sich irgendwo noch über eine Nebensächlichkeit unterhalten lasse. Aber manchmal sind sie auch einfach nötig, um die Geschichte zu verstehen.

Wie gehst du mit Kritik um, die speziell Hörspiele betrifft (zu langsam, zu komplex, zu wenig Action)? Was nimmst du davon mit?

Ich liebe das Medium Hörspiel genauso, wie es ist. Aber ja, auch ich finde manche Hörspiele langweilig und zu komplex. Das hat aber auch was mit Geschmack zu tun. Es gibt Hörerinnen und Hörer, die genau diese Komplexität mögen und für die sind diese Hörspiele. Hörspielhörerinnen und Hörer haben unterschiedliche Geschmäcker und für jeden sollte was dabei sein – der Hörspielmarkt in Deutschland ist ja groß genug.  Wer ein Hörspiel als zu langsam und zu komplex empfindet, hat vielleicht bei einem anderen Hörspiel mehr Glück.

Wenn meine Hörspiele kritisiert werden, lese ich das natürlich. Wenn die Kritik sachlich und gut geschrieben ist, gibt sie mir einen Denkanstoß und vielleicht mache ich es das nächste Mal anders. Wenn ich denke Ja, das kann man so sehen, aber ich sehe es halt anders, mache ich es wahrscheinlich das nächste Mal genauso. Meistens ist es so, dass die Kritik, die ich lese in etwa das widerspiegelt, was ich auch denke und was mir auch aufgefallen ist und dann werde ich es eh versuchen anders zu machen.

Insgesamt freue ich mich über positive und negative Kritik, denn beides hilft mir, mich weiterzuentwickeln. Und das ist wichtig.

Wie schreibst du Kino im Kopf: mehr über Sprache, Geräusche, oder über klare Aktionen?

Ich glaube, bei mir ist es Sprache und Geräusche. Wenn die Protagonisten irgendwo im Eiscafé sitzen und sich einfach nur unterhalten, braucht es für mich keine klare Aktion, sondern es reichen mir die Geräusche eines Eiscafés und die dazu passenden Dialoge. Dann habe ich ein Bild im Kopf.

Hast du eine Lieblingsszene aus deiner Arbeit, auf die du handwerklich stolz bist – was genau hast du da gelöst?

Tatsächlich würde ich die von mir erwähnte Szene aus Shadow Chasers – 5 – Die Spur der verlorenen Schatten noch einmal hervorholen. Wenn der Zirkusdirektor über die Schatten spricht, passt die Musik, die Geräusche, die Sprecherleistung und der Dialog einfach perfekt zusammen. Ich sehe den Zirkusdirektor im Zirkuszelt. Ich sehe die Besucherinnen und Besucher, die ihn gebannt angucken, ich sehe die Kinder, die mit großen Augen seinen Worten lauschen. Auf die Szene bin ich wirklich stolz und finde, dass alle Beteiligten da etwas ganz Besonderes erschaffen haben. Beim Schreiben wollte ich schon genau dieses Gefühl erzeugen und habe mir wirklich viel Zeit dafür genommen mir eine Geschichte über die geheimnisvollen Schatten auszudenken.

Wenn du ein Traumprojekt frei planen könntest: welches Setting, welche Besetzung, welcher Sound – und warum genau das?

Ich würde gern mal eine Krimiserie schreiben, in der ein Mordfall über mehrere, sechs oder sieben Folgen, gelöst werden muss. Eine lockere Atmosphäre in einer deutschen Vorstadt, ein bisschen spießig. Und dann eben der Mord. Wir lernen die Vorstädter kennen ihre Eigenarten und fragen uns, was ist hinter der Fassade… wer von diesen Menschen kann den Mord begangen haben.

Eine spezielle Besetzung habe ich nicht im Kopf, aber Andreas Fröhlich darf bei mir alles sprechen 😉.

Wenn es um Sound geht, würde ich als erstes auf Eric Onder de Linden zurückgreifen – ich liebe die Art, wie er die Shadows-Hörspiele mit Leben füllt.

Welche Szene macht dir beim Schreiben am meisten Spaß – und welche ist jedes Mal Arbeit (z. B. Ortswechsel, große Gruppen, Action, leise Momente)?

Ich liebe die leisen Momente, die persönlichen Probleme, die man zu zweit oder dritt besprechen kann: Sara und Al z.B. bei Outer Space. Ich glaube, ich habe fast in jeder Folge eine Szene eingebaut, in der nur die zwei miteinander sprechen.

Was ich auch mag, ist ein Stimmungswechsel innerhalb einer Szene: z.B. wenn eine humorvolle Szene plötzlich ins dramatische wechselt. Hier ist ein gutes Beispiel Holy Krimi – 4 im Netz der Falkensteins eine hochdramatische, düstere Folge. Aber die ersten Szenen sind noch so locker, dass man das gar nicht erwartet. Die Hörerinnen und Hörer zu überraschen, ist auf jeden Fall etwas, was ich wirklich sehr gerne mag.

Am Ende ist es aber so, eigentlich mag ich lockere, humorvolle Szenen am liebsten, in dem ein paar lustige Sprüche gebracht werden und unsere Helden Copsi-Cola trinken (wer Shadow Chasers hört, versteht diesen Insider).

Gibt es etwas, das du heute anders machst als am Anfang: Tempo, Längen, Figurenanzahl, Erzählhaltung?

Kürzen, kürzen, kürzen… Ich versuche bei den Skripten der Hörspiele immer so bei maximal 10.000 Wörter zu bleiben. Das ist für mich die Ideallänge. Das gelingt mir beim ersten Entwurf leider häufig nicht, da ich mich selten kurzfassen kann (siehe die Antworten in diesem Interview 😉)  

Außerdem bin ich deutlich mutiger geworden. Ich probiere auch mal was aus und gucke, ob es funktioniert. Ein Krimi braucht z.B. nicht immer einen Polizisten als Protagonisten. Es kann auch mal der Täter selbst sein.

Ansonsten entwickeln sich meine Texte mit mir. Sie sind ein Ausdruck meiner Gedanken und meiner Art zu schreiben sein. Und da kann sich immer etwas ändern.

Und zum Schluss persönlich: Was soll beim Hörer nach dem Abspann hängen bleiben – eher ein Gefühl, ein Gedanke, ein Schockmoment oder ein Echo der Figuren?

Unterschiedlich.

Bei den Shadows möchte ich immer am Ende wohliges Gefühl erzeugen – es soll alles gut ausgehen, ein bisschen heile Welt – meistens jedenfalls.

Mit Im Netz der Falkensteins wollte ich schon schocken und es sollte nach dem Hörspiel noch ein ungutes Gefühl bleiben – hinter jeder Fassade gibt es einen Abgrund. Aber solche Sachen sind eher die Ausnahme.

Insgesamt will ich natürlich, dass die Figuren in Erinnerung bleiben. Manchmal versuche ein paar Werte zu vermitteln wie zum Beispiel Toleranz oder Menschenrechte. Und ich hoffe, das bleibt vielleicht bei irgendwem haften.

Aber vor allem möchte ich unterhalten. Ich möchte, dass Leute meine Hörspiele hören und dabei eine gute Zeit haben, gebannt davorsitzen, lachen, staunen, vielleicht sogar weinen. Ich muss nicht das perfekte Kunstwerk erschaffen, das von auserwählten Kritikern in den Himmel gelobt wird. Ich bin völlig zufrieden, wenn die Menschen meine Hörspiele einfach mögen.

Jetzt bist du dran!

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Über den Autor

Sebastian Stelling

Redakteur

Moin, ich bin Sebastian. Auf audiodramaseurope.de sammle ich die besten europäischen Hörspiele, schreibe ehrliche Reviews, führe Interviews und zeige dir, wo du alles legal hören kannst.

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