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Kim Jens Witzenleiter

Vom Film- und Musiklabel Wolfpack-Power bis zum eigenen Hörspielverlag: Kim Jens Witzenleiter hat seinen kreativen Weg konsequent in Richtung Kino für die Ohren gedreht – und dabei mit Wolfy-Office eine Handschrift entwickelt, die Humor, Härte und Herzblut verbindet. In diesem Interview erzählt er offen, warum das akustische Erzählen für ihn mehr ist als ein Medium – nämlich ein Raum, in dem Fantasie, Timing und Sounddesign zusammen das Kopfkino zünden.

Wir sprechen über den Wandel der Branche durch Streaming, darüber, warum physische Releases heute oft Liebhaberstücke sind – und weshalb echte Stimmen für ihn unersetzlich bleiben. Dazu gibt’s spannende Einblicke in seine Arbeitsweise: vom pingeligen Dialogschnitt bis zur Frage, wie viel Dramaturgie ein Cutter im Gefühl haben muss, damit Szenen wirklich atmen.

Du hast ursprünglich mit einem Film- und Musiklabel (Wolfpack-Power) begonnen und dich früh für das Medium Film interessiert. Was war der ausschlaggebende Moment, der dich dazu bewogen hat, den Fokus voll und ganz auf das akustische Medium, das Hörspiel, zu verlegen?

Ich musste mich beruflich neu orientieren, wollte dabei aber mein kreatives und das Schreiben nicht aufgeben. Da ich mit dem Medium Hörspiel aufgewachsen bin, lag es nahe, mich in diesem Bereich auszuprobieren. Zudem hatte ich noch mehrere Drehbücher in der Schublade.

So bin ich schließlich beim Hörspiel geblieben und kann mich hier weiterhin kreativ ausleben und meine Fantasien akustisch verwirklichen. Da bereits Kontakte zum Handel bestanden, war für mich schnell klar, dass ich meine Werke selbst produzieren und verlegen werde.

Seit 2016 leitest du den Verlag Wolfy-Office. Wie hat sich deine Sicht auf die Hörspielbranche verändert, seitdem du nicht mehr nur Kreativer, sondern auch Verleger mit unternehmerischer Verantwortung bist?

Das Konsumverhalten hat sich stark verändert. Physische Medien werden kaum noch gekauft, und um über Streaming dieselben Einnahmen zu erzielen, ist ein deutlich höherer Marketingaufwand nötig, um überhaupt Aufmerksamkeit zu generieren – insbesondere, wenn man keinen großen Backkatalog besitzt.

Es ist insgesamt schwieriger geworden, Produktionen zu refinanzieren und darüber hinaus noch Gewinn zu erwirtschaften. Zudem ist das Thema Künstliche Intelligenz sehr präsent und wird sich weiterentwickeln und stärker eingesetzt werden. Als Hilfsmittel kann das sinnvoll sein, für mich persönlich geht jedoch nichts über echte Sprecherinnen und Sprecher.

Die Branche befindet sich in einem stetigen Wandel – und ich glaube, sie hat sich noch nie so schnell verändert wie heute.

Mit der Thriller-Reihe Die Prüfung hast du psychologisch tiefgründigere und ernstere Töne angeschlagen. Was reizt dich daran, Charaktere in solche extremen psychischen Ausnahmesituationen zu versetzen, und wie unterscheidet sich die Regiearbeit hierbei von Comedy-Formaten wie MIG?

Die menschliche Psyche fasziniert mich sehr – besonders die Frage, wie Menschen reagieren, wenn man sie in unterschiedliche, extreme oder ungewohnte Situationen bringt. Ich selbst lebe seit meiner Jugend mit Depressionen und verarbeite diese Erfahrungen bewusst in meinen Werken. Das zeigt sich zum Beispiel in Die Prüfung oder in realen Albtraumszenarien (die ich so wirklich hatte) wie Blood Red Sandman.

Wenn es mir hingegen besonders gut geht, entsteht bei mir oft Comedy. Manchmal muss man sich selbst regelrecht dazu bringen, fröhlich zu sein – und Humor kann dabei ein wichtiges Ventil sein.

Was die Regie betrifft: Vorweg gesagt, Hörspiel ist für mich pure Leidenschaft und Herzblut – keine Arbeit im klassischen Sinne. Entsprechend kommt der Spaß dabei nie zu kurz. Selbst bei ernsteren Produktionen wie Die Prüfung gab es kleine Insider, etwa Anspielungen auf den Ort Feucht, in dem sich das Tonstudio befindet, in dem wir aufgenommen haben. Die wir (Sprecher, Regie und Tontechniker) während den Aufnahmen hatten.

Sowohl Drama als auch Comedy erfordern jedoch ein hohes Maß an Ernsthaftigkeit in der Umsetzung. Ich würde sogar sagen, dass Comedy hier noch etwas anspruchsvoller ist, da Gags erst durch die richtige Betonung wirklich funktionieren – und diese entsteht oft erst während der Aufnahme. Das verlangt häufig eine besonders hohe Konzentration von beiden Seiten: Regie und Sprecher.

Bei Blood Red Sandman hast du technisch auf Dolby Digital 5.1 gesetzt, was im Hörspielbereich nicht alltäglich ist. Welche technischen Herausforderungen bringt eine solche Surround-Sound-Produktion mit sich, und glaubst du, dass der deutsche Markt bereit ist für mehr Kino für die Ohren?

Für ein solches Projekt benötigt man einen erfahrenen Sounddesigner, der sowohl das nötige Fachwissen als auch die entsprechende Technik für Abmischung und Abhören besitzt. Damals hat das Chiara Haurand übernommen, die Filmton an einer Filmakademie studiert hat.

Eine weitere große Herausforderung war die richtige Veröffentlichungsform. Eine klassische Audio-CD kam nicht infrage, da hierfür auf Stereo hätte gemischt werden müssen. DVD-Audio wiederum ist kaum verbreitet, und auch die meisten Streaming-Anbieter unterstützen ausschließlich Stereoformate.

Deshalb kam ich auf die Idee, das Projekt als Video-DVD mit Bildern zu veröffentlichen und es als Hörspielfilm zu bezeichnen. Das Konzept kam sehr gut an – mit rund 3.000 verkauften Exemplaren ist es bis heute mein Bestseller.

Ich bin überzeugt, dass es für solche Formate einen Markt gibt, da diese Art von Mischung bewusster gehört wird. Man konsumiert sie nicht nebenbei, etwa beim Autofahren oder Einschlafen. Wären die Produktionskosten nicht so hoch und würden entsprechende Medienformate nicht zunehmend verschwinden, würde ich dieses Konzept jederzeit wiederholen.

Mittlerweile eröffnen sich jedoch neue Möglichkeiten im Bereich des Raumklangs, die für zukünftige Projekte sehr spannend sind.

Du vereinst oft Personalunionen in dir: Autor, Regisseur, Produzent und manchmal Sprecher. In welcher dieser Rollen fühlst du dich am wohlsten, und bei welchem Schritt der Produktion fällt es dir am schwersten, die Kontrolle abzugeben?

Puh Das ist tatsächlich schwierig zu beantworten. Als Autor kann ich meiner Fantasie freien Lauf lassen. In der Regie habe ich das große Vergnügen, den Sprecherinnen und Sprechern dabei zuzuhören, wie sie meine Dialoge zum Leben erwecken. Und als Produzent habe ich letztlich die Kontrolle über alles – über mein eigenes Baby.

Sprecher werde ich in diesem Leben allerdings nicht mehr, da fühle ich mich am unwohlsten. Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre es wohl die Regie, in der ich mich am wohlsten fühle. Es ist für mich jedes Mal eine große Ehre, mit den Sprecherinnen und Sprechern zusammenzuarbeiten.

Besonders schwer fällt es mir, beim Dialogschnitt die Kontrolle abzugeben. Ich habe dabei einen sehr eigenen Flow, in den ich viel Zeit und Energie investiere. Oft arbeite ich fast wie ein Frankenstein: Ich setze mehrere Takes zu einem neuen zusammen oder verändere beim Schnitt ganze Sätze so, dass sie am Ende ganz anders klingen, als sie ursprünglich eingesprochen wurden.

Genau wegen dieser Arbeitsweise fällt es mir schwer, diesen Bereich aus der Hand zu geben.

Du hast offen darüber gesprochen, dass Themen wie Depressionen oder die menschliche Psyche dich interessieren und teilweise auch persönlich berühren (z. B. im Kontext von Fünf nach Acht). Dient das Schreiben von Drehbüchern für dich auch als eine Art Ventil oder Verarbeitungsprozess?

Auf jeden Fall. In Blood Red Sandman habe ich reale Albträume verarbeitet und bewusst in die Geschichte eingebaut – Träume, die ich selbst tatsächlich erlebt habe. Im Finale von Die Prüfung wiederum habe ich den Tod meines besten Freundes, meines Opas und meines Vaters verarbeitet, die alle innerhalb eines Jahres verstorben sind.

Als ich nach Teil 2 vom Tod meines besten Freundes erfahren habe, habe ich sofort eine zusätzliche Szene für Teil 3 geschrieben, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits alles aufgenommen war. In dieser Szene tritt ein Charakter mit dem Namen meines Freundes auf, gesprochen von Thomas Plum.

Seit dem Tod meines Vaters trägt zudem in jedem meiner Hörspiele ein Charakter seinen Namen. Auf diese Weise bleiben diese Menschen für mich ein Teil meiner Geschichten – und ein Teil von mir.

Wie wählst du externe Stoffe für Wolfy-Office aus (wie z. B. Arzu oder Werke von Thomas Plum)? Müssen diese Projekte eine bestimmte Wolfy-DNA haben, um in dein Verlagsprogramm zu passen?

Ich selbst vergebe keine Aufträge. In den meisten Fällen kommen die Menschen mit ihren Projekten auf mich zu, und wenn mich eine Idee überzeugt, bin ich dabei. So haben mir Thomas Plum und Hajo Bremer ihre Konzepte vorgestellt, die ich anschließend gekauft und produziert habe.

Fünf nach Acht wurde mir von Sirius bereits als fertiges Werk angeboten. Er war auf der Suche nach einem Verlag, und diese Rolle habe ich übernommen. Arzu wiederum präsentierte er mir zunächst als Idee. Von Anfang an war ich davon überzeugt, auch wenn die eigentliche Produktion bei Sirius lag, während ich mich um die kaufmännischen Aspekte und die Verlagsarbeit gekümmert habe.

Entscheidend ist für mich immer, dass mich ein Projekt inhaltlich berührt und überzeugt. Nur dann kann und möchte ich es guten Gewissens veröffentlichen und/oder produzieren.

Der Hörspielmarkt wandelt sich durch Streaming stark. Siehst du als Verleger physische Medien (CD/Vinyl) eher als Liebhaber-Objekte für Sammler, oder haben sie noch eine wirtschaftliche Relevanz für dein Label?

Für mich haben physische Medien heute kaum noch wirtschaftliche Relevanz. Viele Kolleginnen und Kollegen nutzen sie inzwischen eher als Fanservice und nicht mehr in den Auflagen, wie man sie früher kannte. Ein Erlebnis auf einer Comic Messe, auf der ich als Aussteller war, passt hier ganz gut. Eine ältere Dame (sicher so 70) kam an meinen Tisch und schaute, als ich nett fragte ob sie gerne Hörspiele hört kam als Antwort nur Nein! Mich wundert es nur das es noch CDs gibt… und dann ging sie.

Ich habe bereits angekündigt, dass ich viele zukünftige Produktionen nicht mehr regulär auf CD veröffentlichen werde – ganz darauf verzichten möchte ich aber dennoch nicht. Es wird weiterhin kleine Auflagen geben, allerdings nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern schlicht, weil ich selbst gerne eine CD im Regal stehen habe.

Ein bisschen egoistisch ist das vielleicht – aber ich stehe dazu. 😊

Nach dem Erfolg von Wolfy und Projekten wie 114 Etagen: In welches Genre würdest du gerne als nächstes vorstoßen, das du bisher noch nicht bearbeitet hast?

Aktuell arbeite ich an Wolfy 2 sowie an einem Drama über einen Anwalt, der plötzlich Besuch von einer ihm bislang unbekannten Tochter bekommt, die aus einer früheren Samenspende hervorgegangen ist. Der Arbeitstitel dieses Projekts lautet Ungewollt mein Kind.

Darüber hinaus existiert bereits die Idee für ein weiteres Impro-Hörspiel mit dem Arbeitstitel 115. Außerdem plane ich ein Hörspielkonzept, das auf drei Ebenen basiert: Eine Geschichte, die in drei Teile aufgeteilt ist und von drei unterschiedlichen Autorinnen oder Autoren geschrieben wird, am Ende jedoch ein zusammenhängendes Hörspiel und eine gemeinsame Geschichte ergibt.

Du hast oft Synchronlegenden im Studio (z. B. Stimmen, die man aus Hollywood-Filmen kennt). Hand aufs Herz: Gibt es noch Momente, in denen du als Regisseur kurz zum Fanboy wirst, wenn eine Stimme aus deiner Kindheit plötzlich deinen Text spricht?

Aber sowas von. Zuletzt war ich sogar extra in Berlin – tatsächlich bin ich von Stuttgart nach Berlin gereist, nur um mit zwei Sprechern vor Ort zu arbeiten. Mit beiden hatte ich zuvor schon bei Hörspielen zusammengearbeitet, allerdings ausschließlich remote. Als kleiner Fanboy wollte ich sie einfach einmal persönlich treffen und mit ihnen im selben Raum arbeiten: Claudia Urbschat-Mingues und Peter Flechtner.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir jedoch die Zusammenarbeit mit Ekkehardt Belle – die Stimme meiner Kindheit schlechthin. Er war Hulk, Hercules und Saber Rider, und plötzlich stand er in meinem kleinen Studio und unterschrieb auf meiner Studiokammer. In jeder Pause saßen Thomas Plum und ich mit ihm auf dem Balkon und lauschten seinen Geschichten aus vergangenen Studiozeiten – einfach herrlich.

Besonders schön war, dass daraus ein sehr enger Kontakt entstanden ist und wir danach auch privat oft telefoniert haben.

Grundsätzlich habe ich eine feste Wunschliste mit Stimmen, mit denen ich unbedingt noch arbeiten möchte – natürlich immer im Rahmen des Budgets. Einige Namen wie Markus Pfeiffer, Reiner Schöne oder Sandra Schwittau konnte ich bereits abhaken, aber auf der Liste stehen noch einige weitere.

Wie würdest du deinen Regie-Stil beschreiben? Bist du eher der Perfektionist, der genau weiß, wie jede Betonung klingen muss, oder lässt du den Sprechern im Studio bewusst viel Raum für eigene Interpretation und Improvisation?

Da ich mich mitten in der Regie nur auf die Sprecher und die Texte konzentriere und – wenn in meinem Studio aufgenommen wird – auch auf das Technische achte, kann ich diese Frage selbst nur schwer beantworten. Darum habe ich die Frage an die liebe Sara Wegner (Sprecherin und liebe Freundin) weitergegeben, die mich nun schon einige Jahre kennt und mich mehrfach in der Regie erlebt hat. Also, Sara – was sagst du?

Sara Wegner: Hey lieber Kim, ich kann ja mal einfach meinen Senf dazugeben 🙂

Der Regie-Stil von dir ist – so habe ich das empfunden –, dass du den Sprecher erst einmal etwas anbieten lässt. Und wenn du etwas Bestimmtes im Kopf hast und es gerne so haben möchtest, dann sagst du das auch. Wie soll man den jetzt nennen? Du hast ja als Regisseur im Blick, wie alles sein soll, und hast eine Figur bereits im Kopf, und dann leitest du an. Aber du bist jetzt nicht der sture Typ, der das dann ganz genauso haben muss. So würde ich das jetzt einschätzen: Du nimmst Angebote gerne an und hakst nur ein, wenn du einen Dialog unbedingt so haben willst und eine bestimmte Intention möchtest. Prinzipiell lässt du dich aber auch sehr gerne überraschen, was jemand so anbietet, und wenn das nicht total daneben ist, dann nimmst du das auch dankend an. Aber wie nennt man jetzt den Stil? Es ist eine freundliche Zusammenarbeit auf gegenseitigem Respekt, würde ich mal sagen.

Hörspiele sind Teamarbeit. Was ist für dich die wichtigste Eigenschaft, die ein Sounddesigner oder Cutter mitbringen muss, um deine Vision perfekt umzusetzen, ist es technisches Können oder eher das musikalische Gespür für Timing?

Sowohl Cutter als auch Sounddesigner benötigen vor allem eines: ein ausgeprägtes Gespür für Dramaturgie. Ein Cutter muss technisch nicht alles beherrschen – er muss die Aufnahmen auch nicht bearbeiten, sondern sie zunächst roh so schneiden, dass funktionierende Dialoge entstehen. Das Technische ist dabei zweitrangig, entscheidend ist das Gefühl für Rhythmus, Timing und gute Dialoge.

Wenn ich in der Regie mit einem Sprecher fünf unterschiedliche Varianten eines Takes erarbeite, ist es die Aufgabe des Cutters, den passenden für das Endprodukt auszuwählen. Dabei muss er extrem genau darauf achten, wie Pausen gesetzt sind. Ist eine Szene actionreich, darf alles gerne schnell und zackig laufen. Wird es ruhiger oder emotionaler, dürfen die Pausen länger sein – vielleicht denkt der Gegenüber erst nach, bevor er antwortet. Aber: nicht zu lang, sonst reißt es den Hörer aus der Szene, und nicht zu kurz, damit es nicht nach hartem Kante auf Kante klingt. Für all das braucht man einfach ein Gespür. Und ja, da bin ich sehr pingelig.

Der Sounddesigner wiederum muss zusätzlich das technische Know-how mitbringen. Er bearbeitet später den Dialogschnitt so, dass alle Stimmen klingen, als wären sie am selben Ort aufgenommen worden – was heutzutage, Stichwort Remote-Recording, eher die Ausnahme ist. Er setzt Soundeffekte, die nicht nur gut klingen, sondern dramaturgisch passen, und mischt Atmosphäre und Musik so ab, dass alles perfekt wahrnehmbar ist, während das Gesprochene immer im Vordergrund bleibt.

Für mich sind Sounddesigner echte Magier der Fantasie. Liebe geht raus an Tom, Sven und Chiara, die für mich bereits gezaubert haben. Ohne sie wäre selbst das beste Skript mit den besten Sprecherinnen und Sprechern nur zu einem Drittel genießbar.

Man sagt oft, Comedy sei die schwerste Kunstform. Du bedienst Horror (Die Prüfung) und Humor (MIG, Wolfy). Was fällt dir beim Schreiben schwerer: Einen Gänsehaut-Moment (Jumpscare) akustisch zu bauen oder eine Pointe zu schreiben, die wirklich zündet?

Das kommt ganz darauf an. Wenn ich meinen Gedanken und meiner aktuellen Stimmung – also meinem psychischen Zustand – freien Lauf lasse, funktionieren alle Genres für mich gleich gut. Befinde ich mich gerade in einem depressiven Loch voller dunkler Gedanken, entsteht meist ein harter Thriller. Habe ich sehr nachdenkliche Tage, wird es eher dramatisch. Und Depressionen haben viele Facetten: Bin ich überdreht oder extrem gut gelaunt, kommt bei mir oft Comedy dabei heraus. Was ich recht frei schreiben kann.

Wirklich schwierig wird es erst dann, wenn es darum geht, den Konsumenten gezielt glücklich zu machen. In diesem Punkt ist Comedy mit Abstand das anspruchsvollste Genre. Geschmäcker sind verschieden – und beim Humor gilt das ganz besonders. Wenn ich meinem eigenen Humor freien Lauf lasse, wird es schnell sehr trashig, überdreht und eher ein Spaß für Volljährige mit dem Humor von 15-Jährigen. Das bin nun mal ich. Ich habe das bewusst schon mehrmals so umgesetzt – und es kam nicht immer gut an.

Bei Wolfy habe ich den Humor dann stärker auf die Zielgruppe ausgerichtet, und das hat am Ende wirklich gut funktioniert. In solchen Fällen beginnt die eigentliche Arbeit erst richtig: Man muss prüfen, ob die Gags auch bei anderen zünden. Vieles wird mehrfach überarbeitet und idealerweise von Dritten gegengelesen.

Das macht Comedy letztlich deutlich aufwendiger als Horror oder Thriller.

Hast du bestimmte Schreibrituale? Brauchst du absolute Stille, bestimmte Musik oder einen speziellen Ort, um in den Flow für ein neues Skript zu kommen?

Tatsächlich habe ich einen ziemlich eigenwilligen Schreibstil – wenn man das so nennen kann. Über die Jahre habe ich mir dabei eine recht spezielle Angewohnheit angewöhnt. Zum Schreiben brauche ich absolute Ruhe. Ich liege dabei auf unserem großen Dreisitzer-Sofa, mit meinem MacBook Pro auf der Brust – genau dieses Modell. Mit einem Dell funktioniert es merkwürdigerweise überhaupt nicht. Frag mich bitte nicht warum, aber nur so kommt mein Flow wirklich ins Rollen.

Am liebsten schreibe ich in kompletter Stille – was mit Kindern natürlich eine echte Herausforderung ist. Sobald meine beiden Mädels anfangen, sich in die Haare zu bekommen, bin ich komplett raus, und der Schreibtag ist für mich im Grunde gelaufen.

Ich habe auch versucht, in meinem Büro bzw. Studio zu schreiben, das am anderen Ende der Stadt liegt – aber das funktioniert für mich gar nicht. Dort bekomme ich nichts aufs Papier. Die Geschichten und Dialoge habe ich komplett im Kopf, ich gehe sie gedanklich Szene für Szene durch. Aber nur unter diesen ganz bestimmten Bedingungen bekomme ich die Gedanken auch wirklich niedergeschrieben.

Der einzige Nachteil an dieser Methode: Rückenschmerzen sind leider inklusive. 😅

Gibt es ein Projekt oder eine Idee, die schon seit Jahren in deiner Schublade liegt, an die du dich aber bisher noch nicht herangetraut hast?

Ja, tatsächlich gibt es ein Projekt, das auf einer wahren Geschichte beruht und das ich sehr gerne umsetzen würde. Gleichzeitig zögere ich noch, weil solche Stoffe immer besonders sensibel sind. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen ethischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist die Umsetzung nicht einfach.

Vielleicht finde ich aber noch den Mut, diese Geschichte eines Tages zu erzählen.

Du kommst ursprünglich vom Film, und man merkt bei Wolfy-Office, dass dir das Artwork (Cover, Booklets) sehr wichtig ist. Wie viel Film steckt in deinem Kopf, wenn du ein Hörspiel konzipierst? Siehst du die Szene vor dir, bevor du sie hörst?

Ja das tue ich. Ich schreibe meine Dialogbücher bis heute wie klassische Drehbücher und arbeite dafür auch mit speziellen Programmen, die eigentlich für Film-Drehbücher gedacht sind. Dadurch sehen meine Hörspielskripte ganz anders aus als die vieler Kolleginnen und Kollegen.

Beim Schreiben habe ich immer konkrete Bilder vor Augen. Wenn ich Wolfy durch das Gebüsch streifen lasse, sehe ich förmlich eine Realfilmszene mit einem CGI-Wolfy vor mir, bei der nur der Schweif aus dem Dickicht ragt. Bei Die Prüfung hatte ich beim Schreiben stellenweise so starke Gänsehaut, dass ich kurz aufhören musste. Ich hatte die Szene, in der Scott das Puzzle lösen muss, glasklar vor Augen – wie er bei jedem Fehler einen Schlag bekommt und am Ende fast stirbt.

Dieses Kopfkino begleitet mich übrigens auch beim Hören anderer Hörspiele. Bei mir läuft dabei immer ein kompletter Film ab. Deshalb höre ich Hörspiele nur selten beim Autofahren – ich möchte mich ganz auf die Bilder konzentrieren, die dabei entstehen.

Die menschliche Fantasie ist etwas unglaublich Kostbares, und ich wünsche jedem, dass er sie auch im Alter nicht verliert.

Wie schwierig ist es heutzutage als Label, in der Masse an Neuerscheinungen auf Spotify & Co. sichtbar zu bleiben? Setzt du da eher auf Community-Bindung über Social Media oder auf klassische Werbung?

Der Trend geht ganz klar in Richtung Social Media. Bisher habe ich meist auf einen Mix gesetzt: Ich habe mich jeweils stark auf eine Produktion konzentriert und diese gezielt beworben – über Social Media, über Bemusterungen an Presse und Blogger sowie über klassische Werbeanzeigen.

Da die Einnahmen vieles inzwischen nicht mehr hergeben, wird dieses Vorgehen jedoch zunehmend schwieriger. Social Media ist günstiger, deutlich gezielter und effektiver. Man kann den Menschen direkt einen Link zum Hören mitgeben und erzeugt so unmittelbar Streams oder hin und wieder auch noch einen Kauf.

Außerdem schätze ich den direkten Kontakt mit den Hörerinnen und Hörern sehr. Der Austausch ist unmittelbarer, persönlicher – und für mich ein wichtiger Teil der heutigen Veröffentlichungsstrategie.

Wenn du nur ein einziges Hörspiel (nicht von dir selbst!) auf eine einsame Insel mitnehmen dürftest, welches wäre das und warum?

Monster 1983 – ganz klar. Die Serie bietet einfach eine großartige Story und vereint unglaublich viele Stimmen, die ich selbst sehr schätze. Außerdem würde ich Ivar direkt mit auf die Insel nehmen – Stichwort Misery.

Aber pssst … bitte nichts Ivar Leon Menger sagen. Mein letzter Versuch, ihn auf der Hörspiel Con zu entführen, hat ja leider nicht geklappt. 😂

Was war die skurrilste oder lustigste Panne, die dir je während einer Produktion passiert ist?

Als ich in Nidderau mit mehreren Sprecherinnen und Sprechern aufgenommen habe, bekam ich vom Studio ein Konzertmikrofon für das Talkback in die Hand gedrückt. Während Bine Schmidt gerade in der Sprecherkabine stand, habe ich mir das Mikrofon instinktiv ans Ohr gehalten, um sie besser hören zu können … 😅

Und das Lustige daran: Es hat tatsächlich funktioniert. Ich hatte wirklich das Gefühl, sie besser zu verstehen. Für die anderen Sprecherinnen und Sprecher, die das beobachtet haben, war das natürlich ein großer Lacher. 😂 Ich selbst hab es erst gemerkt als ich ihr ne Anweisung geben wollte und das Mikro gesucht habe.

In Serien wie Fünf nach Acht oder auch in den düsteren Momenten von Die Prüfung behandelst du Themen wie Mobbing, Depression und psychische Abgründe. Spürst du eine moralische Verantwortung gegenüber deinen Hörern, wenn du solche Themen anfasst? Wo ziehst du die Grenze zwischen spannender Unterhaltung und zu triggern?

Verantwortung trägt jeder, der Inhalte produziert, die konsumiert werden – ganz gleich, ob Musik, Film oder Social Media. Gleichzeitig halte ich nichts davon, mit der moralischen Keule zu schwingen. Provokation oder Triggern wird heute oft bewusst als Stilmittel eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Mein Anspruch ist jedoch in erster Linie, zu unterhalten, die Leute für kurze Zeit von ihrem eh schon schweren Alltag zu entführen – und dabei auf subtile Weise auch gesellschaftliche Themen anzusprechen. Das betrifft nicht nur die von dir genannten Hörspiele. Selbst bei MIG3, das auf den ersten Blick Comedy und Trash ist, greife ich ein wichtiges Thema auf, für das wir alle Verantwortung tragen: Tier- und Artenschutz.

Auch Wolfy behandelt immer wieder Werte wie Freundschaft und Zivilcourage. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass Figuren wie Tina und Daniel einem Fremden helfen – auch wenn es genau das sein sollte. Das wir uns untereinander mehr helfen.

Verantwortung ist mir daher sehr wichtig. Ich möchte unterhalten, aber den Menschen gleichzeitig – wenn auch eher unterschwellig – etwas mitgeben. Nicht triggern, sondern zum Nachdenken anregen.

Du erschaffst Welten im Kopf anderer Menschen. Gibt es eine Geschichte oder eine Szene, die du geschrieben hast, die dich selbst emotional so belastet hat, dass du sie fast nicht veröffentlicht hättest?

Es gibt durchaus Szenen, die mich selbst emotional so stark mitgenommen haben, dass ich sie am Ende verworfen habe – besonders bei Die Prüfung.

Gleichzeitig gab es aber auch Szenen, bei denen ich sehr lange gezögert habe. Vor allem in Wolfy 2 wird es eine sehr emotionale Szene geben, in der Wolfy auf seine Familie trifft. Beim Schreiben hatte ich dabei selbst Tränen in den Augen, weil mich dieser Moment sehr berührt hat.

Am Ende habe ich mich bewusst dafür entschieden, diese Szene in dem ansonsten eher humorvollen Hörspiel zu belassen, weil sie für die Entwicklung der Figur Wolfy extrem wichtig ist. Sie zeigt eine Tiefe, die man ihm vielleicht nicht sofort zutraut.

Ich bin selbst sehr gespannt, wie diese Szene später mit Musik, Sounddesign und Atmo wirkt – denn erst dann entfaltet sie ihre endgültige emotionale Kraft.

Hörspiele verlangen vom Publikum, die Bilder selbst zu erschaffen, eine Fähigkeit, die in Zeiten von TikTok und Reizüberflutung angeblich abnimmt. Siehst du deine Arbeit als einen Akt des Widerstands gegen die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne? Kämpfst du um die Fantasie der Leute?

Eher weniger – ich versuche grundsätzlich, mein eigenes Ding zu machen. Als meine große Tochter noch im Kindergarten war, habe ich allerdings einmal versucht, bewusst gegenzusteuern. Mir ist damals aufgefallen, dass viele Kinder dort KiKA-Formate auswendig kannten, aber kaum noch eigene Fantasie entwickelten. Das merkte man sehr deutlich, wenn man ihnen beim freien Spielen zusah.

Mit klassischen Hörspielen kamen viele von ihnen gar nicht mehr zurecht. Aus diesem Grund habe ich versucht, mit MIG3 einen Einstieg ins Medium Hörspiel zu schaffen: als eine Art Hörspielfilm – also ein Hörspiel, das mit Bildern und einfachen Animationen unterlegt ist, bei dem das Hören weiterhin im Vordergrund steht. Die Idee war, eine Brücke zu bauen. Leider kam das Konzept nicht besonders gut an.

Meine beiden Töchter hingegen haben sehr viel Fantasie, und ich wünsche mir sehr, dass sie sich diese bewahren. Meine Große schreibt inzwischen sogar eigene Geschichten, und meine Kleine ist ebenfalls äußerst kreativ. Das macht mich ehrlich gesagt ziemlich stolz.

Du hast dich vom Trash-Fan und Parodisten zum preisgekrönten Produzenten von High-End-Hörspielen entwickelt. Gab es auf diesem Weg Momente des Hochstapler-Syndroms (Imposter Syndrome)? Momente, in denen du dachtest: Eigentlich spiele ich hier nur mit den Großen mit, obwohl du längst dazu gehörst?

Das tue ich tatsächlich ständig. Lange Zeit habe ich mich auch bewusst kaum öffentlich gezeigt. Ich habe mich selbst nicht in den Credits genannt und mochte es nie, meinen Namen auf dem Cover zu lesen – so wie es viele Kolleginnen und Kollegen machen. Ich denke immer ich wäre ein niemand und wen interessiert das überhaupt.

Erst 2018 habe ich mich wirklich in die Öffentlichkeit getraut, als ich zur Hörmich gegangen bin. Meinen privaten Instagram-Account habe ich sogar erst seit 2023. Davor war ich eher unsichtbar.

Kollegen und Sprecher haben mich immer wieder dazu ermutigt und mir gesagt, ich sei letztlich das Gesicht hinter meinen Werken – schließlich biete ich den Menschen etwas an, das auch eine persönliche Note trägt.

Seitdem ist meine Fresse nun eben auch öffentlich zu sehen. Die Gedanken nicht in der selben Liga zu sein wie andere ist immer noch da. Vielleicht gründe ich auch meine eigene 🤪

Erfolg definiert sich oft über Verkaufszahlen oder Awards wie den Hörspieltalk-Preis. Aber was ist dein ganz persönlicher Maßstab für Qualität? Wann bist du abends zufrieden, ist es der perfekte Soundeffekt oder eine bestimmte Emotion in der Stimme eines Sprechers?

Ich habe den Luxus, davon nicht leben zu müssen. Das bedeutet: In erster Linie muss mir selbst gefallen, was ich produziere – und wenn das der Fall ist, bin ich zufrieden.

Dafür reicht mir manchmal schon ein richtig schöner Aufnahmetag mit den Sprecherinnen und Sprechern, von denen einige mittlerweile zu guten Freunden geworden sind. Oder der Moment, in dem jemand wie Tom genau so denkt wie ich und meine Vorstellungen ohne große Erklärungen versteht – und das Sounddesign dann perfekt umsetzt.

Genau darin liegt für mich der eigentliche Wert meiner Arbeit. Wenn dann noch Leute mir schreiben, dass das Hörspiel sie begeistert oder sogar bewegt hat… dann fall ich abends zufrieden ins Bett.

Viele Kreative haben Angst, sich zu wiederholen. Du arbeitest viel mit wiederkehrenden Motiven (Wölfe, Horror, Humor). Hast du Sorge, irgendwann in eine kreative Sackgasse zu geraten, oder gibt dir dieses Heimspiel Sicherheit?

Warum etwas komplett neu erfinden, wenn man Bestehendes weiterentwickeln und besser machen kann? Natürlich probiere ich immer wieder neue Ansätze aus – etwa mit 113 und 114, zwei komplett improvisierten Hörspielen mit einer besonderen Machart, einmal über WhatsApp, einmal in einer Garage, oder auch im Thriller-Bereich.

Gleichzeitig gibt mir das Arbeiten an Stoffen, die mir persönlich gefallen und die mir am Herzen liegen, eine gewisse Sicherheit. So habe ich die Möglichkeit, Figuren weiterzuentwickeln, ihre Geschichten zu vertiefen und ihnen über mehrere Produktionen hinweg mehr Raum zu geben.

Das Thema KI (Künstliche Intelligenz) hängt wie ein Damoklesschwert über der Sprecher- und Kreativbranche. Als Produzent könntest du Kosten sparen, als Künstler liebst du das Handwerk. Wo ist deine absolute rote Linie? Würdest du jemals eine KI-Stimme für eine Nebenrolle nutzen, oder ist das Verrat an der Kunstform?

KI ist für mich ein unfassbar hilfreiches Werkzeug, das ich selbst auch gerne nutze. Zum Beispiel bei Grafikarbeiten für meine Agentur oder wenn ich eine Schreibblockade habe. In solchen Momenten chatte ich gerne mit ChatGPT – bei mir heißt er Fang – um neue Ideen und Denkansätze zu finden. Vieles davon ist ehrlich gesagt auch Müll, aber genau das hilft, den Kopf freizubekommen und neue Wege zu entdecken, die ich dann selbst im Skript weiter ausarbeite.

Was ich allerdings niemals tun würde, ist mir komplette Skripte oder ganze Szenen von einer KI schreiben zu lassen. Das wäre für mich ein Verrat an mir selbst. Und KI-Stimmen im Hörspiel sind für mich ein Verrat an der Freundschaft – gerade weil ich mittlerweile sehr enge und persönliche Beziehungen zu vielen Sprecherinnen und Sprechern habe.

Am Ende stellt sich immer die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? Ob ein KI-generiertes Hörspiel Kunst ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist es das nicht – es wirkt lieblos und ohne echtes Leben.

Streaming hat den Zugang zu Hörspielen demokratisiert, aber die Vergütung ist oft prekär. Entwertet die ständige Verfügbarkeit (Flatrate-Mentalität) den kulturellen Wert eines aufwendig produzierten Hörspiels? Wie gehst du als Verleger mit diesem Konflikt um: Reichweite vs. Wertschätzung?

Streaming bringt eine enorme Reichweite mit sich. Wenn ich mir die Statistiken und Abrechnungen anschaue, erreiche ich deutlich mehr Menschen als früher mit der CD. Gleichzeitig ist die Vergütung jedoch – nüchtern betrachtet – sehr gering.

Ich stehe dazu auch im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, um Ideen zu entwickeln, wie man dieses Ungleichgewicht zumindest teilweise ausgleichen kann – insbesondere, wenn man keinen großen Backkatalog besitzt, der dauerhaft Einnahmen generiert.

Was mir dabei besonders auffällt, ist der Verlust an Wertschätzung. Das Konsumverhalten hat sich stark verändert: Es wird schnell, viel und oft nebenbei konsumiert. Dabei geht ein Stück Kunst verloren. Die Details, die wir uns ausdenken und bewusst in die Hörspiele einbauen, werden häufig überhört. Die Leidenschaft, das Spiel, die Feinheiten – vieles wird nicht mehr so intensiv wahrgenommen.

Hinzu kommt, dass wir deutlich weniger Rückmeldungen erhalten. Streaming-Plattformen bieten in der Regel keine echte Rezensionsmöglichkeit, wie es früher beispielsweise bei Weltbild, Amazon oder Audible der Fall war. Dort konnten Käufer ihre Eindrücke schildern, und wir konnten – oft still mitlesend – daraus lernen und wachsen.

Heute schaut man eher auf Zahlen: Welches Hörspiel läuft gut? Welche Klicks sind hoch? Welches Genre funktioniert? Für große Player mag das hilfreich sein. Für kleinere Produzenten, die Kunst machen wollen und vor allem das umsetzen möchten, was sie selbst begeistert, wird es dadurch jedoch spürbar schwieriger.

Der deutsche Hörspielmarkt ist weltweit einzigartig groß, aber auch sehr nostalgisch geprägt. Fehlt der Branche der Mut zu radikal neuen Stoffen, die nichts mit bekannten Franchises oder 80er-Jahre-Feeling zu tun haben? Wo müsste die Reise eigentlich hingehen?

Ich finde durchaus, dass es einige gibt, die Mut beweisen und neue Stoffe vertonen. Im Streaming-Bereich laufen viele dieser Experimente sogar besser als früher auf CD. Dort ist das Publikum oft jünger und offener für neue Formate und Erzählweisen.

Gleichzeitig orientiert sich ein großer Teil des Marktes weiterhin an dem, was über Jahrzehnte gut funktioniert hat – nicht zuletzt, weil viele Käuferinnen und Käufer noch die klassischen Kassettenkinder der 80er-Jahre sind. Was ja nicht schlecht ist, ich finde die Idee romantisch das die Kinder von damals heute selber Kinder habe und mit ihnen zusammen hören.

Sehr spannend finde ich beispielsweise den Weg von Holy. Dort wird durchaus Mut bewiesen und mit neuen Ideen gearbeitet – das gefällt mir sehr.

Wenn wir das Finanzielle und den Ruhm komplett ausklammern: Was ist die eine Kernbotschaft, die sich durch all deine Werke zieht, von der Comedy bis zum Thriller? Was soll von Kim Jens Witzenleiter bleiben, wenn das Studio-Licht irgendwann ausgeht?

Schön wäre es, wenn vor allem die versteckten Botschaften und die Fantasie in den Köpfen der Menschen bleiben – und dort weitergeführt werden. Vieles davon haben wir im Laufe der Zeit leider verlernt.

Wenn ich mit meinen Werken ein paar Menschen erreichen kann, die diese Fantasie bewahren, weiterdenken und vielleicht sogar nach mir weitertragen, dann habe ich für mich alles richtig gemacht.

Welches Scheitern oder welche Ablehnung hat dich im Nachhinein mehr als Künstler geformt als all deine Erfolge?

Negative Kritiken – sogar ein regelrechter Verriss in einem namhaften Magazin – haben mich als Künstler letztlich stark nach vorne gebracht. Natürlich war das zunächst hart, zumal ich ohnehin ein eher unsicherer Mensch bin.

Gleichzeitig war die Kritik sehr ehrlich. Und genau das hat mir geholfen. Ich konnte wachsen, die richtigen Stellschrauben erkennen und gezielt an mir arbeiten.

Besonders Gespräche mit einigen Kolleginnen und Kollegen haben mir in dieser Phase sehr geholfen. Sie haben mir Perspektive gegeben – und letztlich auch Selbstvertrauen.

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Über den Autor

Sebastian Stelling

Redakteur

Moin, ich bin Sebastian. Auf audiodramaseurope.de sammle ich die besten europäischen Hörspiele, schreibe ehrliche Reviews, führe Interviews und zeige dir, wo du alles legal hören kannst.

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