
Onda & Storia. a modest opera ist eine jener seltenen Radiokreationen, die nicht bloß gehört, sondern als Raum erfahren werden wollen. Eine Stimme aus der Kindheit öffnet den Horizont: Wahrnehmungen, Erinnerungen, Ängste und Fragen falten sich zu einer akustischen Welt, in der Zeitlinien ineinanderlaufen und Topografien mit Gefühlslandschaften verschmelzen. Schon der Untertitel, a modest opera, signalisiert eine selbstbewusste Verweigerung großer Operngeste. Stattdessen wächst hier eine leise, präzise und poetische Form von Musiktheater fürs Ohr: reduziert in den Mitteln, reich in der Wirkung. Die belgische Künstlerin Myriam Pruvot konzipiert und realisiert dieses Stück als eigenständige Radioproduktion mit rund 60 Minuten Spielzeit, angesiedelt zwischen dokumentarischem Sprechen über Kindheit und einer musikalischen Fiktion, die das Gesagte in Gesang, Klangräume und Rhythmen überschreibt. Dass Onda & Storia in Belgien unter anderem mit Unterstützung der ACSR entstanden und in den Halles de Schaerbeek präsentiert wurde, zeigt den Kontext einer Klangkunst, die an Schnittstellen arbeitet: zwischen Kunstmusik und Hörspiel, zwischen Performance und Radiokunst, zwischen privater Erzählung und öffentlicher Aufführung.
Kontext & Entstehung
Onda & Storia ist ein Werk der Radiokunst, das 2023 in einer 60-minütigen Fassung vorliegt. Pruvot beschreibt es als Doppelbewegung: dokumentarische Sprache über Kindheit, die auch Gewalt nicht ausspart, und musikalische Fiktion – daher modest opera. Der Begriff modest meint hier nicht bescheidene Ambitionen, sondern die Abkehr vom Monumentalen: Es ist ein bewusst kleinmaßstäbliches Opernformat, das intime Stimmen, fragile Strukturen und das Hören selbst ins Zentrum rückt. Darüber hinaus versteht sich Onda & Storia als eine kindgerechte Adaption einer früheren radiophonen Performance Pruvots mit dem Titel A modest opera aus dem Jahr 2021. In dieser Vorarbeit stand das Hören in der Dunkelheit, das Auflösen visueller Konturen und das Aktivieren der Imagination im Vordergrund; Onda & Storia übernimmt diesen Gedanken, überträgt ihn jedoch auf eine Erzählperspektive, die konsequent von der Wahrnehmung des Kindes ausgeht. Die offizielle Ankündigung nennt explizit die Idee, eine radiophon erweiterte Hörerfahrung zu schaffen – zwischen Ausstrahlung, Live-Moment und einer Art Kino-Untertitelung, also einer geführten, aber nicht dominierenden Rahmengebung für das Hören.
Gleichzeitig verankern Spielstätten und Partner das Projekt in einem Netzwerk der europäischen Klangkunst. So wird das Stück in den Halles de Schaerbeek in Brüssel geführt und als Auswahlbeitrag bei Phonurgia Nova gelistet; mehrfach erwähnt ist zudem die Unterstützung durch die ACSR (Atelier de Création Sonore Radiophonique). Diese Hinweise machen deutlich: Onda & Storia ist nicht als reine Studioarbeit abgekapselt, sondern als lebendige Radiokunst konzipiert, die im Dialog mit Festivals, Häusern und Hörkultur-Szenen steht – mal als Hörsaal im Dunkeln, mal als Stream im Netz.

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Im Mittelpunkt steht eine kindliche Stimme, die ihre Sicht auf die Welt teilt. Aus kurzen Sätzen, Selbstbefragungen und Erinnerungsfetzen entstehen Szenerien: Orte, die mit biografischen Momenten verbunden sind, aber nicht naturalistisch ausbuchstabiert werden. Onda – die Welle – taucht als Bild der Bewegung, des Rhythmus und des Überschreibens auf; Storia – die Geschichte – ist zugleich Erzählung und Geschichte als Zeitfluss. Aus dieser Semantik ergibt sich eine Form, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderfallen: Das Kind erinnert und imaginiert; das Erzählen wird zum Raum, in dem das Gesagte zugleich Gegenwart (Stimme), Vergangenheit (Erinnerung) und Zukunft (Möglichkeit) ist. Pruvot unterfüttert diese Schichten mit Musik und Stimmführung, die zwischen Sprechen, Singen und Chorgeschehen changiert – eine kleine, modeste Oper, die auf großen Pomp verzichtet und stattdessen auf die Nähe zum Ohr setzt. Die offizielle Werksbeschreibung fasst es lapidar zusammen: Aus dem kindlichen Bericht entstehen Lieder und Orte, in denen sich Zeiten mischen.
Eine französischsprachige Projektseite skizziert darüber hinaus, welche Räume die Imagination durchschreitet: von einem Salzsteinbruch zu den Ruinen eines Palastes, von einem nächtlichen Wald bis in das Auge eines Sturms. Das Werk zeichnet also keine lineare Handlung nach, sondern entfaltet eine Folge von Atmosphären und Wegmarken, die wie Inseln im Klangmeer liegen. Entscheidend ist nicht, was wirklich passiert ist, sondern wie Erinnerung klingt, wie sie sich anfühlt und welche inneren Bilder sie im Zuhören freilegt.
Form & Dramaturgie
Dramaturgisch wählt Pruvot einen konsequent akustischen Ansatz. Das Hörereignis wird nicht von visuellen Reizen getragen, sondern von Stimme, Geräusch, Gesang und Raumklang. Diese Setzung funktioniert in zwei Richtungen: Einerseits verweist sie auf die Tradition des Hörspiels als Kunstform, in der Sprache und Ton die Bühne ersetzen. Andererseits knüpft sie an die Idee des radiophonen Musiktheaters an, das Operntugenden – Stimme, Arie, Chor, Leitmotiv – in ein reines Hörformat überführt. Die Modestie zeigt sich darin, dass jedes Element sparsam und bewusst eingesetzt wird: keine orchestrale Überwältigung, sondern fokussierte Stimmarbeit, Aussparungen, leise dynamische Bögen, die den Innenraum der Erzählung betonen.
Der dramaturgische Rhythmus speist sich aus Wiederkehr und Variation. Bestimmte Klanggesten kehren als Wellen zurück, tragen das Motiv der Onda: ein wiederkehrender Atem, ein kurzer gesungener Anlauf, ein rhythmisch gesetzter Schritt im Off. Zwischen diesen Wellen liegen Inseln der Sprache: Beobachtungen, Einsprengsel von Furcht, Bilder vom Meer, von Nacht oder Architekturfragmenten. Das Werk lässt sich somit eher als Zyklus von Klangtableaus begreifen denn als linearer Plot. Die Stimme des Kindes führt, doch sie wird immer wieder in polyphone Momente eingesponnen: als Echo, als Chorhauch, als harmonische Aufladung, die der Erzählung Resonanzräume gibt. Dass in der Projektkommunikation auch die polyphone Dimension betont wird, passt zu dieser ästhetischen Anlage und erklärt, warum der Hörraum häufig als dunkel gedacht ist – nicht zwingend als düster, sondern im Sinn einer visuellen Entlastung zugunsten des auditiven Fokus.
Klang & Musik
Musikalisch entsteht ein Gewebe aus Stimmfarben, Lautgesten und sorgsam platzierten Geräuschen. Pruvot arbeitet mit Gesang nicht als Nummer, sondern als Verwandlungsmodus: Sprache kippt in Gesang, Gesang zieht sich in Sprechen zurück; die Grenzen sind fließend. Die Musik fungiert damit wie ein emotionaler Gradient. Sie schafft Übergänge zwischen Erinnerungszuständen, markiert Schwellen – etwa den Schritt aus einer konkreten Szene in eine assoziative Traumzone – und akzentuiert Momente, in denen das Kind zu einer Archetyp-Stimme wird, stellvertretend für viele mögliche Kindheiten.
Wichtig ist das Verhältnis von Nähe und Distanz. Die Produktion nutzt Intimität: man hört Atem, Reibung, Mundgeräusche, eine räumlich nahe Mikrofonierung – aber nie als bloßen Naturalismus, sondern als bewusstes Mittel, um Vertrautheit und Verletzlichkeit hörbar zu machen. Wenn die Musik in Chorschichten übergeht, entsteht um diese Nähe herum ein weiterer Klangraum, der Distanz herstellt: Das Individuum ist nicht allein, die Stimme wird aufgefangen, kommentiert, gespiegelt. Das trägt nicht nur musikalisch, sondern auch thematisch: Kindheit ist eingebettet – in Familien, Orte, Mythen, in eine Sprache, die schon vor dem eigenen Sprechen da war.
Bemerkenswert ist zudem die Raumgestaltung: Geräusche fungieren als akustische Architektur – Tropfen, Wind, Schritte, ferne Züge – doch bleiben sie abstrahiert genug, um als Signaturen und nicht als Kulissennaturalismus zu wirken. Dieses Wechselspiel von Konkret- und Unschärfe ist entscheidend für die poetische Qualität des Stücks. Es lässt dem Hörer den eigenen Imaginationseintrag: Jeder kann die Skizzen vervollständigen, die Lücken mit persönlichen Bildern aufladen.
Stimmen & Performanz
Auch wenn Onda & Storia primär von einer kindlichen Erzählfigur getragen wird, ist das Stück keine Solo-Erzählung. Es ist eher eine Ensemble-Arbeit der Stimmen, die mal als Mehrstimmigkeit im Off, mal als Chorfläche, mal als Gegenstimme in Erscheinung treten. Gerade diese Polyphonie lässt die Oper im Titel plausibel erscheinen: Nicht im Sinne dramatischer Rollenbiografien, sondern als Stimmenkonstellation, die Affekte, Perspektiven und Zeiten bündelt.
Die Performanz ist bewusst anti-theatral und präzise zugleich. Die kindliche Stimme wirkt ungekünstelt, aber kontrolliert; sie wird nicht in eine Darstellungsleistung übersteigert, sondern bleibt in einem sprechenden Singen, das genau dosiert, wie viel Ausdruck sie freigibt. Gegenüber treten Stimmflächen auf, die wie Erinnerungswellen wirken: Sie legen sich unter das Gesagte, heben es an, tragen es weiter. Das wirkt nie überinstrumentiert; vielmehr kontrolliert Onda & Storia die Energie seiner Mittel, damit jede Einblendung einen Sinn hat.
Themen & Motive
Kindheit und Wahrnehmung: Zentral ist die Frage, wie ein Kind die Welt ordnet. Dinge erscheinen nicht in erwachsenen Kategorien, sondern in Bild-Ketten: Geräusche werden zu Figuren, Landschaften zu Erzählfragen, Worte zu Auslösern von Gesang. Die Komposition respektiert diese Ordnung, indem sie nicht korrigiert, sondern komponierend zuhört. Die entstehenden Lieder sind daher nicht Illustrationen, sondern Folgehandlungen des Erzählens.
Gewalt und Schutzräume: Die Ankündigung verschweigt nicht, dass die Kindheitserzählung Gewalt nicht ausspart. Das Werk spektakulärisiert das nicht, sondern lässt es als Schatten durch die Klangarchitektur ziehen. Schutz – oder dessen Fehlen – wird über Raum erzeugt: enge Mikrofonierung versus weite Hallräume, Solo versus Chor. Die Musik bietet Gegenräume, die kurzzeitig Geborgenheit simulieren, ohne das Gesagte zu beschönigen.
Zeit und Erinnerung: Onda & Storia setzt die Erfahrung von Zeit als Wellenbewegung um. Erinnerungen kommen in Schüben, sie überlagern sich, ziehen sich zurück und kehren in anderer Form wieder. Dieser Wellencharakter wird musikalisch gespiegelt, sodass die formale Idee mit dem Motivkern verschmilzt. Die Folge ist ein Hören, das weniger linear, sondern zyklisch funktioniert: Man durchläuft das Stück wie Gezeiten.
Topografien des Inneren: Die französische Projektbeschreibung nennt exemplarisch den Weg von einem Salzsteinbruch zu den Ruinen eines Palastes, von einem nächtlichen Wald in den Schoß eines Sturms. Das sind keine realistischen Drehorte, sondern akustische Metaphern für Zustände: Salzbruch – kristallin, scharf, trocken; Palast-Ruine – Echo, Geschichte, Verlust; Nachtwald – Ungewissheit, Lauschen; Sturm – Überwältigung, Reinigung, Gefahr. Diese Bilder verleihen dem Hörer eine Kartografie des Fühlens.
Stimme als Medium der Weltaneignung: Das Sprechen und Singen ist nicht Kommentar, sondern Handlung: Indem das Kind erzählt, entsteht Welt. Indem es singt, ordnet sich die Welt neu. Daraus erwächst eine Ethik des Zuhörens: Wer zuhört, beteiligt sich an dieser Weltentstehung, übernimmt Verantwortung, nicht zu übertönen, sondern Resonanz zu geben.

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Jetzt dem Bluesky-Kanal folgenProduktion & Umfeld
Die offizielle Projektseite führt Onda & Storia als Radiokreation von 2023 mit einer Dauer von 60 Minuten, konzipiert und realisiert von Myriam Pruvot. Das Werk wurde im Umfeld belgischer Radiokunst produziert, mit Unterstützung der ACSR, und in den Halles de Schaerbeek gezeigt; zudem gibt es einen offiziellen Streaming-Nachweis im Rahmen der Phonurgia-Nova-Auswahl. Diese Eckdaten verorten die Arbeit zwischen Studio und Kuratierung, zwischen Netzveröffentlichung und Live-Hörereignis. Pruvots eigene Mitteilungen betonen, dass Onda & Storia eine kindskalige Adaption der 2021 entstandenen radiophonen Performance A modest opera ist; die Premiere einer erweiterten Hörerfahrung erfolgte Anfang 2023 beim Festival Longueur d’Ondes in Brest.
Die Vorarbeit A modest opera (2021) formulierte bereits zentrale ästhetische Parameter: Hören in der Dunkelheit, das Verschwinden des Lichts, die Reduktion auf Klang, Stimmen, Codes; Radiokunst, die wie ein Chor von Stimmen Orte und Zeiten heraufbeschwört. Dass Onda & Storia diese Idee in Richtung einer kindlichen Perspektive übersetzt, erklärt die spezifische Tonlage: weniger sakral, weniger abstrakt, aber ebenso konsequent im Zugriff auf die Vorstellungskraft des Publikums.
Poetik des Dunkels – Hören als Sehen
Ein wiederkehrendes Motiv in Pruvots Arbeit ist das Hören ohne visuelle Stütze. Nicht, weil Bilder unwichtig wären, sondern weil sie die Aufmerksamkeit besetzen. Im Dunkeln dagegen öffnet sich das Feld für innere Bilder. Onda & Storia macht sich diesen Effekt zunutze: Die zarten, oft hauchnahen Stimmaufnahmen und die sparsamen akustischen Marker zwingen nicht, sondern laden ein. Zugleich strukturiert die Komposition die Imagination, indem sie mit akustischen Übergängen arbeitet: Ein aufziehender Hall kann einen Raum öffnen; eine nahmikrofonierte Stimme stellt Intimität her; ein fernes Dunkeln im Tiefbass lässt Gefahr anklingen. Damit wird Klang zu einer Regie des Unsichtbaren.
Diese poetische Ökonomie erklärt, warum das Stück trotz der ruhigen Gangart als intensiv erlebt wird: Nicht die Lautstärke, sondern die Vulnerabilität der Stimme trägt. In Momenten, in denen die Musik eine schützende Hülle legt, stellt sich kurzfristig das Gefühl ein, gehalten zu werden; wenn die Hülle sich zurückzieht, bleibt die Stimme exponiert – und damit die Erfahrung von Kindheit als Schwellenzeit zwischen Abhängigkeit und eigener Weltaneignung.
Hörhaltung & Rezeption
Onda & Storia verlangt vom Hörer eine aktive Hörhaltung. Wer eine klar fortschreitende Handlung erwartet, wird womöglich irritiert; wer bereit ist, assoziativ zu hören und die Tableaus zu verbinden, wird reich belohnt. Die Rezeption in Klangkunst-Kontexten und auf Plattformen, die dem experimentellen Hören verpflichtet sind, fügt sich stimmig ins Bild: gelistet bei Phonurgia Nova, verbreitet über Radiokunst-Kanäle und präsentiert in Häusern, die Performance-Formate jenseits klassischer Gattungen fördern. Dass in Postings und Ankündigungen wiederholt die Unterstützung durch ACSR und die Verbindung zu den Halles de Schaerbeek auftaucht, vervollständigt das Produktionsumfeld.
Bemerkenswert ist auch, wie sprachunabhängig das Stück erfahrbar bleibt. Zwar sind Sprache und Text zentral, doch die musikalische Logik trägt über Sprachgrenzen hinweg. Selbst Zuhörer, die die Ausgangssprache nicht vollständig verstehen, können den emotionalen Fluss, die Klangarchitektur und die formale Wellenbewegung nachvollziehen. Diese Übertragbarkeit erklärt die Präsenz des Projekts in internationalen Programmen und Streams.
Analyse: Warum modest?
Der Begriff modest opera ist programmatisch. Er verweigert den repräsentativen Rahmen der Oper als Ganzheitskunst mit großem Orchester, Bühne, Libretto in Akten. Stattdessen behauptet er, dass Oper als Formprinzip – die Bündelung von Stimme, Musik, Raum und Affekt – im Radiophonen neu gedacht werden kann. Modest heißt: ohne Überwältigungsästhetik, ohne Dekor, ohne Bühnenzauber. Es bedeutet, aber nicht klein im Sinn von gering. Gerade die Beschränkung der Mittel erzeugt hier Dichte. Man könnte sagen: Onda & Storia ist Kammeroper fürs Ohr, die Innenräume ausleuchtet, wo die große Oper Außengesten macht.
Diese Neuakzentuierung hat Folgen für die Zuschreibungen: Rollen werden nicht als Figuren mit Kostüm und Handlung geführt, sondern als Stimmfunktionen – Erzähler, Chor, Echo, Gegenstimme. Szenen sind keine Schauplätze, sondern Klangzustände. Arien sind Stimmaufschwünge der kindlichen Erzählung, kurze Melodiebögen, die aus dem Sprechen wachsen. Das Resultat ist eine Opernpoetik, die sich perfekt in die Radiokunst fügt.
Hören als Ethik
Ein weiterer Aspekt, der Onda & Storia auszeichnet, ist die implizite Ethik des Zuhörens. Das Stück fordert nicht nur künstlerisch, sondern auch zivil: Es bittet darum, einer kindlichen Stimme ohne Bevormundung zuzuhören. In einer Kultur, in der Kindheit häufig als Konsensidyll erzählt wird oder – am anderen Ende – als Schockbild für Aufmerksamkeit herhalten muss, wählt Pruvot einen dritten Weg: Zartheit ohne Verklärung, Härte ohne Spektakel. Das erzählerische Recht der kindlichen Perspektive wird ernst genommen. Musik und Klang rahmen, aber sprechen nicht über die Stimme hinweg.
Gerade die Andeutung von Gewalt wird so zu einem Prüfstein dieser Ethik. Das Stück benennt, ohne auszumalen; es schafft Schutzräume, ohne zu verschweigen; es lässt Stille zu, ohne zu dramatisieren. Diese Haltung prägt den gesamten Verlauf und erklärt, warum Onda & Storia trotz der thematischen Schwere tröstlich wirken kann: nicht, weil es beruhigt, sondern weil es bezeugt.

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Jetzt als PWA installierenEinordnung in Pruvots Werk
Myriam Pruvot ist als Vokalistin, Klangkünstlerin und Performerin aktiv. Ihre Arbeiten verhandeln wiederholt die Möglichkeiten der Stimme zwischen Sprache, Gesang und Geräusch, häufig in radiophonen Settings. Onda & Storia folgt dieser Linie und verschiebt sie in Richtung einer empathischen, kindzentrierten Poetik. Dass die 2021er Performance A modest opera als Vorarbeit existiert, hilft beim Verständnis des methodischen Kerns: Dunkelheit als ästhetisches Prinzip, Stimmen als Chora, Orte und Zeiten als Auftauchfiguren des Klangs. Onda & Storia wählt dann den Schritt in die Narration – ohne den offenen Charakter der Performance aufzugeben.
Auszeichnungen & Nominierungen
- Grand Prix Nova (Bukarest) 2024 – 1. Preis, Kategorie Audio Drama. Die offizielle Gewinnerliste führt Onda & Storia als Erstplatzierten der Kategorie.
- Phonurgia Nova Awards 2023 – Nominierung (Auswahl/Shortlist) in der Radiokunst-Sektion; gelistet mit Laufzeit (60′) und Produktionsangabe (Halles de Schaerbeek, mit Unterstützung der ACSR).
Stärken
- Konsequente Formidee: Die Verschränkung von dokumentarischer Kindheitsstimme und musikalischer Fiktion ist nicht nur Behauptung, sondern formale Realität. Das Stück bleibt seiner Grundidee treu und verliert sich nicht in Effekten.
- Klangarchitektur mit Sinn für Maß: Nichts ist zu viel, nichts ist dekorativ. Jede Geste – Atem, Hauch, Chorfläche, Geräusch – hat dramaturgische Funktion. Die Modestie ist Methode, nicht Manier.
- Ethik des Zuhörens: Das Werk respektiert die Stimme, die es trägt. Es bietet Resonanzräume statt Gegenrede, lässt Leerstellen, wo das Ausbuchstabieren zur Pose würde.
- Zeitpoetik als Wellenbewegung: Der Titel ist Programm. Erinnerung und Gegenwart schwingen in Wellen; Wiederkehr und Variation schaffen Form, die auch ohne Plotspannung trägt.
- Übertragbarkeit: Auch jenseits der Ausgangssprache ist der emotionale Fahrplan nachvollziehbar. Das prädestiniert das Stück für Festival-, Radio- und Online-Kontexte, wie die Listungen und Streams zeigen.
Mögliche Hürden
- Erwartung an Narration: Wer eine klassische Handlung mit Wendepunkten erwartet, könnte enttäuscht sein. Onda & Storia ist stimmungsgesteuert und assoziativ.
- Zurückgenommene Dynamik: Die Lautstärke- und Tempospannung ist begrenzt. Das verlangt konzentriertes Hören, idealerweise in ruhiger Umgebung – am besten im Dunkeln.
- Sprachliche Nähe: Obwohl das Stück über Sprachgrenzen hinweg funktioniert, bleiben feine Sinnnuancen an Text gebunden. Wer alles verstehen will, braucht Sprachkompetenz oder eine Kontextualisierung.
Fazit
Onda & Storia. a modest opera ist ein herausragendes Beispiel dafür, was Radiokunst leisten kann, wenn sie zuhört, statt auszuspielen. Myriam Pruvot gelingt eine leise, aber eindringliche Oper fürs Ohr: eine Komposition der Nähe, die das Zerbrechliche nicht scheut und das Starke nicht ausstellt. Die kindliche Stimme als Zentrum, die musikalische Fiktion als Resonanzraum, die sorgfältige Raumgestaltung als unsichtbare Bühne – all das ergibt ein Werk, das lange nachhallt. Nicht, weil es finale Antworten liefert, sondern weil es die richtigen Fragen hörbar macht: Wie entsteht Erinnerung im Klang? Was bedeutet Schutz, wenn Worte nicht reichen? Wie kann Musik tragen, ohne zu überdecken?
Als Hörstück ist Onda & Storia zudem ein Glücksfall für alle, die Hörspiel, Sound Art und Musiktheater nicht gegeneinander ausspielen wollen. Es zeigt, wie diese Bereiche einander befruchten: Das Hörspiel gibt der Erzählung Struktur, die Sound Art liefert das Material für akustische Räume, das Musiktheater bringt die Dramaturgie der Stimme. Daraus entsteht kein Hybrid, der Kompromisse fordert, sondern eine eigensinnige Form, die in ihrer Modestie äußerst souverän wirkt.
Wer das Werk nachvollziehen will, findet offizielle Informationen und Hinweise auf Aufführungs- und Stream-Kontexte über Pruvots Website, Festival-Listings und Radiokunst-Plattformen. Dass Onda & Storia in belgischen Häusern wie den Halles de Schaerbeek verankert ist, mit Unterstützung der ACSR entstand und in Kuratierungen wie Phonurgia Nova auftaucht, unterstreicht den Rang dieser Radiokreation innerhalb der europäischen Klangkunstlandschaft. Und wer das Hören ernst nimmt, wird hier belohnt: mit einer Oper, die weder laut sein muss, um zu treffen, noch groß, um zu wirken – sondern modest, im besten Sinn des Wortes.
Onda & Storia. a modest opera
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- Label / Verlag: Myriam Pruvot
- Veröffentlicht:
- Genre: Drama
- Herkunft: Belgien
Produktion
- Konzeption & Realisation: Myriam Pruvot
- Texte (in Zusammenarbeit): Estelle Saignes Tilbury, Valérie Leclercq
- Komposition (in Zusammenarbeit): Estelle Saignes Tilbury, Valérie Leclercq
- Übersetzung (in Zusammenarbeit): Estelle Saignes Tilbury, Valérie Leclercq
- Mischung (in Zusammenarbeit): Maxime Whatieu
- Mastering: Yvan Hanon
- Chor & Musiker:innen: Ellen Giacone, Valérie Leclercq, Myriam Pruvot, Estelle Saignes Tilbury, Jean-Baptiste Veyret Logérias
- Dank (Listening & dramaturgische Begleitung): Aurélie Brousse, Jeanne Debarsy, Sébastien Dicenaire
- Übersetzung & Dokumentation (Wiegenlied „Ipnè pou pernis ta pèdia“): Anna Muchin
- Grafikdesign: Lucie Caouder
- Fotografie: Thomas Jean Henry & Elsa Mariétan
- Produktion: Halles de Schaerbeek
- Unterstützt von: FACR, ACSR
Sprecher
- Mitwirkende – Jeanne Mine
- Kind – Maïa Suarez-Mariétan
- Kind – Rita Suarez-Mariétan
- Kind – Mauro Gallet
- Kind – Carmen Gallet
- Mitwirkende – Félix Santisteva Barsacq
- Mitwirkende – Joséphine Fournier
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